22. September 2010

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 1910 – Moore & O’Neill

Category: Rezension Comics — ComicCombo @ 16:55

Eigentlich müsste man ja ab diesem Band der erfolgreichen Serie von Alan Moore den Titel ändern. Denn mit der Liga, wie sie in den ersten zwei Bänden zu erleben war, ist es vorbei, mit der Gentlemanhaftigkeit ebenso. Mit dem schlicht „1910“ betitelten Auftakt zur dritten Staffel der „Liga“ ( ebenso wie mit dem aus lizenzrechtlichen Gründen bisher nicht außerhalb der USA veröffentlichten „Black Dossier“-Sonderband von 2008 ) tritt die Serie in die Ära der Pulphelden der Neuzeit ein.

Sinnbildlich bekommt das der Leser gleich zu Beginn klargemacht: Kapitän Nemo, eine der Hauptfiguren der vorherigen Bücher, stirbt. Er hinterlässt eine Tochter, die ausgerechnet die finstere Seeräuber-Jenny aus Brechts „Dreigroschenoper“ ist. Abschaum statt Edelmännern: ab hier übernehmen Huren, Schlitzer, ehrlose Diebe und in ihren Mitteln nicht zimperliche Gauner die Handlung, die sich zudem grob an Brechts Couplet zur „Seeräuber-Jenny“ orientiert.

Die Hauptfiguren der vorherigen Bände treten, sofern sie überhaupt noch leben, in den Hintergrund der Handlung und sehen dem ruppigen, blutigen, zynischen Treiben eher hilflos zu. Überhaupt schreibt Moore (einmal mehr und wie so oft seit „Watchmen“) ein hochgradig dysfunktionales Superheldenteam, das mehr mit sich selbst beschäftigt scheint als mit den Vorgängen um sich herum, und das den Vorgängen vor allem nichts entgegenzusetzen hat.

Mit dem Wandel im Tonfall der Serie ändert sich auch deren Konzept. Bildeten die ersten zwei Bände der Liga“ noch lose verknüpfte, zeitlich dicht beieinander liegende Einzelabenteuer, soll die dritte Staffel (die auch in sich eine Trilogie bildet), das gesamte 20. Jahrhundert und seine Unterhaltungskunst abdecken. Nicht nur Literatur: dem Wandel der Medien entsprechend sollen ebenso Kino- und Fernsehfiguren auftreten. Eine Herkulesarbeit, denn grade ab 19000 explodierte der Markt für Unterhaltungsstoffe aller Art nahezu durch die diversen neuen Medien sowie die kostengünstiger gewordenen Herstellungs- und Verbreitungsmöglichkeiten.

In Folge ist „1910“ noch dichter mit Zitaten gepackt als bisherige Konvolute der Serie. Folgend dem Wandel in der Erzählweise, den die Literatur in der geschilderten Zeit und danach durchmachte, folgen Moore und O’Neill einem postmodernen Ansatz, in dem das Zitat die Handlung trägt und der Lesegenuss nicht aus dem Erkennen, sondern aus dem Wiedererkennen von Situationen und Figuren kommt.

Das ist demnach nicht nur wegen der abgründigeren, komplexeren und düstereren Stoffe, auf die sich Moore und O’Neill beziehen, eine völlig neue Serie. Wie gesagt, eigentlich müsste man den Titel ändern …

Panini Comics, 80.Seiten, €12,95

von Stefan Pannor

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen 3

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